Ausstellung I



Kunst und KunstlerInnen

Kurzvorstellung der Künstler und ihre Beiträge zur Ausstellung

 

Julia Firmbach: Die Poesie des Umbruchs



Julia Firmbach widmet sich in ihrem künstlerischen Schaffen der Vielschichtigkeit des alltäglichen Erlebens, das meist von Rhythmus und Wiederholung geprägt ist. Ihr besonderes Interesse gilt jenen Momenten, in denen das Gewohnte eine radikale180-Grad-Wendung erfährt: Wenn das Vertraute plötzlich fremd erscheint und Freude in eine Trauer umschlägt, die sich jeder rationalen Erklärung entzieht.


Zwischen Serie und Stille

Diese existenziellen Brüche übersetzt die Künstlerin in:

Serielle Miniaturmalereien die durch ihre Wiederholung eine eigene Dynamik entwickeln.

Objekte und Installationen die einen sensiblen Raum für die Wahrnehmung schaffen.

Biografische Fundstücke, wie die geerbten Teppiche ihres Großvaters, die sie künstlerisch bearbeitet und so mit ihrer eigenen Wahrnehmung verflicht.


Das Sichtbarmachen des Ungreifbaren

In Firmbachs Werk schwingen stets die großen Fragen mit: Was bleibt? Was geschieht nach dem Tod? Ihre Arbeiten fungieren als Anspielungen auf das Transzendente und laden den Betrachter ein, aus dem "alltäglichen Trott" auszutreten. So entstehen Orte der Stille, die den flüchtigen Moment zwischen Erinnerung und Gegenwart festhalten.


Lea Göhringer: Die fluide Grenze des Seins


Lea Göhringers künstlerische Position bewegt sich in einem faszinierenden Zustand der Schwebe. Zwischen Manifestation und Transparenz lotet sie in den Medien Malerei, Zeichnung und Keramik die Dualitäten des menschlichen Daseins aus.


Der Körper als Membran

Ausgangspunkt ihrer Arbeit ist der menschliche Körper, den sie jedoch nicht als starre Form, sondern als fluide Hülle oder Membran begreift.

Diese Grenze erfüllt eine Doppelfunktion:

Schutz: Das Bewahren und Kapseln innerer Erfahrungen und Empfindungen.

Durchlässigkeit: Die Unausweichlichkeit, durch Begegnungen und Berührungen mit der Außenwelt beeinflusst zu werden.

Die Linie als verbindendes Gewebe

Das zentrale Element in Göhringers Schaffen ist die Linie. Über sie weben sich Körper ineinander, bis individuelle Konturen verblassen. Was in ihren Werken entsteht, sind:

Flüchtige Umrisse: Die Trennung zwischen „Ich“ und „Anderem“ löst sich auf.

Verwobene Strukturen: Ein rhythmisches Auf- und Abtauchen zwischen klarer Figürlichkeit und vollkommener Abstraktion.           


Annika Audu: Fragmente der Erinnerung

 

Annika Audu widmet sich in ihrer künstlerischen Praxis der Rekonstruktion und Dekonstruktion von Erinnerungsräumen. Ihre Arbeiten bewegen sich an der Schnittstelle zwischen privater Mythologie und kollektivem Gedächtnis.

Der Prozess

Durch die Schichtung von Materialien und das bewusste Freilegen tieferer Ebenen macht sie Zeitlichkeit physisch erlebbar.

Das Motiv

Alltägliche Fragmente werden aus ihrem ursprünglichen Kontext gelöst und in neue, abstrakte Zusammenhänge überführt.

Die Wirkung

Es entstehen Werke, die den Betrachter einladen, das eigene Erinnern als einen konstruktiven, niemals abgeschlossenen Prozess zu begreifen.

  

Madlen Jäger: Balance und Übergang


Für Madlen Jäger ist künstlerisches Arbeiten ein Prozess des Ausbalancierens. Zwischen Bild, Plastik und Installation entstehen Zustände des Dazwischen. Das Textile erscheint als Haut, Hülle, Fläche oder Körper, nie eindeutig festgelegt. Im Zentrum steht die Schwebe: ein Moment zwischen Präsenz und Auflösung, zwischen Ruhe und Bewegung.


Material und Erinnerung

Leichte, transparente Stoffe bilden den Ausgangspunkt vieler Arbeiten. Ihre Durchlässigkeit ermöglicht ein sensibles Spiel mit Licht, Raum und Wahrnehmung. Form entsteht im Prozess durch Faltung, Schwerkraft und Intuition.

Ergänzend arbeitet Jäger mit Keramik, in der sich Erinnerung materialisiert. Während Textil für Wandelbarkeit und Flüchtigkeit steht, speichert Keramik Spur, Abdruck und Verdichtung. Sie hält Momente fest, die im Stoff noch in Bewegung sind. Beide Materialien verhandeln gemeinsam Dauer und Vergänglichkeit.


Prozess und Wahrnehmung

Die Arbeiten entstehen im Dialog mit dem Raum. Überlagerungen, Schatten und Transparenzen erzeugen Ebenen, die weder klar Fläche noch klar Körper sind. Das Material wird nicht vollständig kontrolliert, sondern in seiner Eigenlogik ernst genommen. So entstehen ruhige, fragile Situationen, die Veränderung in sich tragen.

 

Amelie Barbara Kiener: Körper und Resonanz


Amelie Barbara Kiener erforscht die Wechselwirkung zwischen Objekt und menschlicher Wahrnehmung. Ihr Fokus liegt auf der Haptik und der unmittelbaren Resonanz, die von Materialien ausgeht.

Das Material Ton

 In ihren keramischen Arbeiten nutzt sie die Formbarkeit des Materials, um organische Strukturen zu schaffen, die an gewachsene oder menschliche Formen erinnern.

Das Konzept der Berührung

 Ihre Objekte wirken oft wie Relikte einer Handlung – sie fordern das Auge auf, die Oberfläche „abzutasten“ und die Schwere oder Leichtigkeit der Form zu spüren.

Raumbezug

 Kieners Installationen sind präzise Setzungen, die den historischen Ort (wie den Rundofen) als Resonanzkörper nutzen und das Verhältnis von Masse und Leere thematisieren.


Harald Häuser: Die Metaphysik der Farbe


Harald Häuser begreift Farbe nicht als Werkzeug der Abbildung, sondern als autonomes Ereignis. Sein Werk beschreibt eine konsequente Entwicklung von der strukturierten Raumdarstellung hin zu einer Malerei, die die Grenze zwischen physischer Präsenz und geistiger Tiefe auflöst.


Von der Struktur zur Autonomie

In Häusers Schaffen weicht die klassische Perspektive einer rein malerischen Räumlichkeit. Durch Farbdifferenzierungen und „Farbdünste“ erschafft er atmosphärische Tiefen, die er selbst als „unbetretbare Räume“ bezeichnet.

Der Eigenwert der Farbe

Die Farbe löst sich vom Objekt und wird zum alleinigen Bedeutungsträger.

Das Kraftfeld

Durch die Reduktion der Form und die enorme Steigerung der Leuchtkraft verwandelt sich die Bildfläche in ein spannungsgeladenes, energetisches Feld.

Licht als existentielles Zeichen

Ein zentrales Motiv in Häusers Werk ist die Überwindung der Dunkelheit, durch glühende Farbmaterie. Dieses „Leuchtlicht“ fungiert als Metapher für die menschliche Situation in der Moderne:

Die Überwindung des Dunklen

Das Licht bricht aus der Tiefe hervor und behauptet sich gegen die Schatten der materiellen Welt.

Das Kosmische

Die Malerei wird zur „Verklärung der Weltlandschaft“ und führt den Betrachter in eine fast transzendente Regionen.

Die Handschrift der Zeit

Während die 80er Jahre in seinem Werk von einer Verdichtung der Farbmaterie und kalligraphischen Kürzeln geprägt waren, mündet sein Stil in eine kontemplative Schnellschrift. Der breite Pinselduktus verbindet die einzelnen Gemälde zu einem zyklenhaften Gesamtablauf – einer hohen Gangart, die die Sinneseindrücke bis ins Visionäre steigert.

Michael Blum: Zwischen Abstraktion und Heimat


Michael Blums künstlerisches Schaffen bewegt sich in einem spannungsvollen Dialog zwischen autonomer Malerei und mimetischer Wirklichkeitsdarstellung. Seine Wurzeln liegen in den freien Ansätzen der informellen Kunst der 1950er und 1960er Jahre – jener Lehrergeneration, deren Prozesse er heute zeitgenössisch weiterführt.


Die Landschaft als Anker und Impuls

Zentraler Bezugspunkt seiner Arbeit ist die Schwarzwaldlandschaft. Sie fungiert jedoch nicht als bloßes Abbild, sondern als:

Referenzmaterial

Ein notwendiges Korrektiv zur sichtbaren Realität, das verhindert, dass der Malprozess in eine beliebige Zufälligkeit (Aleatorik) abgleitet.

Emotionaler Impuls

Die Landschaft, in der Blum lebt und sich bewegt, liefert die Initialzündung für subjektive Bezüge und individuelle Aspekte.

Licht, Wetter und Atmosphäre

In seinen Werken erprobt Blum unterschiedliche Grade der Wirklichkeit – vom Gegenständlichen bis zum beinahe vollständig Abstrakten. Dabei sind es vor allem die atmosphärischen Qualitäten, die den Bildraum definieren:

Jahreszeiten & Licht

Typische Formen und Farben werden zu Trägern spezifischer Stimmungen.

Malerischer Prozess

Der Umgang mit dem Material bleibt frei und prozesshaft, findet aber in der vertrauten Umgebung des Schwarzwaldes stets seinen inhaltlichen Halt.

Die Synthese der Pole

Blum nutzt die Landschaft nicht als Vorwand für reine Malerei, sondern als tief verwurzelte Verbindung zur Welt. Seine Bilder sind eine Einladung, die Natur nicht nur zu betrachten, sondern ihre Wetterstimmungen und Lichtsituationen als malerische Ereignisse neu zu erfahren.